TTBL-Geschäftsführer Nico Stehle im Interview: „Aufmerksamkeit nachhaltig für Weiterentwicklung der Liga nutzen“
Geschäftsführer Nico Stehle blickt bei der Tischtennis Bundesliga (TTBL) auf eine erfolgreiche Saison 2025/26 zurück. Im Interview beschreibt der frühere Bundesliga-Profi die wichtigen Erkenntnisse aus der Begeisterung um den nach Deutschland gewechselten Superstar Fan Zhendong sowie damit verbundene Zielsetzungen, spricht über die neuen Eventformate Liebherr TTBL Final4 und Pokal Grand Opening und erklärt die Bedeutung der TTBL-Initiative für das Deutsch-Chinesische Wirtschaftsforum.
Nico Stehle, die TTBL befindet sich seit gut einem Monat in der Sommerpause. Wie fällt mit etwas Abstand Ihr zusammenfassendes Fazit für die abgelaufene Saison aus?
Die Saison 2025/26 war in vielerlei Hinsicht eine außergewöhnliche Spielzeit für die TTBL. Sportlich haben wir hochklassigen Tischtennissport erlebt – von einem spannenden Titelrennen über einen dramatischen Abstiegskampf bis hin zu einer gelungenen Premiere neuer Veranstaltungsformate. Besonders erfreulich ist, dass sich diese Entwicklung auch in den Zahlen widerspiegelt: Allein in der Bundesliga haben knapp 80.000 Zuschauer die Spiele in den Hallen verfolgt – so viele wie noch nie zuvor. Gleichzeitig konnten wir unsere Reichweiten über Medien- und Digitalkanäle weiter steigern und unsere internationale Sichtbarkeit deutlich erhöhen. Insgesamt war es eine Saison, die gezeigt hat, welches Potenzial in unserer Liga steckt.
Das zurückliegende Spieljahr stand vordergründig ganz im Zeichen des überraschenden Engagements von Superstar Fan Zhendong beim 1. FC Saarbrücken-TT. Welche übergeordneten Erkenntnisse lassen sich für Sie aus dem bisherigen Hype um den Olympiasieger ziehen?
Der Hype um Fan Zhendong ist beeindruckend. Gleichzeitig geht die Bedeutung seines Engagements weit über das Sportliche hinaus. Für uns war besonders interessant zu sehen, welche internationale Aufmerksamkeit dadurch für die gesamte TTBL entstanden ist. Viele Menschen sind zunächst wegen Fan auf die Liga aufmerksam geworden, haben dann aber die hohe sportliche Qualität, die Professionalität unserer Vereine und die Attraktivität des Wettbewerbs insgesamt kennengelernt. Eine wichtige Erkenntnis ist deshalb, dass internationale Spitzenspieler nicht nur Zuschauer und Fans begeistern, sondern auch neue Märkte erschließen, zusätzliche Medienreichweiten ermöglichen und neue Vermarktungspotenziale schaffen können. Die gestiegene internationale Sichtbarkeit der TTBL eröffnet Chancen, die weit über eine einzelne Saison hinausreichen. Unser Ziel ist es nun, diese Aufmerksamkeit nachhaltig für die Weiterentwicklung der gesamten Liga zu nutzen.
Wie wichtig war Fans Wechsel nach Deutschland gerade in Jahr eins nach dem Abschied des deutschen Idols Timo Boll für die Bundesliga?
Timo Boll hat die TTBL über viele Jahre geprägt und war weit über unseren Sport hinaus ein herausragender Botschafter. Sein Abschied hinterlässt natürlich eine Lücke. Gleichzeitig hat Fan Zhendongs Engagement dazu beigetragen, neue Aufmerksamkeit zu erzeugen und internationale Zielgruppen anzusprechen. Beide Persönlichkeiten stehen für unterschiedliche Kapitel unserer Liga. Während Timo Boll eine Ära geprägt hat, eröffnet Fan Zhendong neue Perspektiven. Für die Entwicklung der TTBL war dieser Zeitpunkt deshalb sicherlich sehr wertvoll.
Weiter unten im Tabellenkeller fand einer der spannendsten Abstiegskämpfe in der TTBL-Historie statt – und war plötzlich durch den Aufstiegsverzicht von Zweitliga-Meister TSV Windsbach vorbei. Was braucht es, damit Vereine aus dem Unterhaus ohne Wenn und Aber in die TTBL aufsteigen können?
Zunächst braucht es ambitionierte und nachhaltig aufgestellte Vereine. Die Anforderungen an einen Bundesligastandort sind in den vergangenen Jahren gestiegen – sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich. Gleichzeitig müssen wir als Liga die Rahmenbedingungen weiter verbessern, damit ein Aufstieg als echte Entwicklungschance wahrgenommen wird. Die steigende Aufmerksamkeit, neue Vermarktungsmöglichkeiten und die positive wirtschaftliche Entwicklung der Liga können dabei helfen. Unser Ziel bleibt es, möglichst vielen Vereinen den Weg in die TTBL zu ermöglichen.
Zu den Themen der Saison gehörte auch die Ersetzung der Playoff-Runde durch das neue Format des Liebherr TTBL Final4. Wie bewerten Sie die Premiere?
Sehr positiv. Unser Ziel war es, mit dem Liebherr TTBL Final4 ein Event zu schaffen, das den sportlichen Höhepunkt der Saison noch stärker in Szene setzt. Die Premiere hat gezeigt, dass dieses Konzept funktioniert. Mit rund 5.600 Zuschauern an den beiden Veranstaltungstagen konnten wir mehr Fans begrüßen als bei den bisherigen Finalveranstaltungen. Noch wichtiger war aber die Atmosphäre in der Halle und die positive Resonanz von Fans, Vereinen und Partnern. Das bestärkt uns darin, diesen Weg konsequent weiterzugehen.
Wird es bei dem Modus bleiben?
Ja. Wir haben das Format bewusst mit einer langfristigen Perspektive eingeführt. Veränderungen benötigen Zeit, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Deshalb wollen wir das TTBL Final4 als festen Höhepunkt im Saisonkalender etablieren. Gleichzeitig werden wir die Erfahrungen aus der Premiere nutzen, um einzelne Details weiterzuentwickeln und das Event Jahr für Jahr noch attraktiver zu gestalten.
Die vergangene Saison ist fast schon wieder genauso weit weg wie noch die kommende Spielzeit. Durch Fans Transfer von Saarbrücken zu Borussia Düsseldorf sind die Karten wieder neu gemischt. Viele Beobachter sagen durch den Wechsel des womöglich besten Spielers der Welt zu Deutschlands erfolgreichstem Verein eine erneute Steigerung des Interesses an der TTBL voraus. Wie schätzen Sie das ein?
Das Interesse wird sicherlich hoch bleiben. Fan Zhendong gehört zu den größten Namen unseres Sports, und Borussia Düsseldorf ist die erfolgreichste Vereinsmarke im deutschen Tischtennis. Diese Kombination besitzt enormes Potenzial. Gleichzeitig sollte man nicht vergessen, welchen Anteil der 1. FC Saarbrücken-TT an dieser Entwicklung hat. Der Verein hat den mutigen Schritt gewagt, Fan Zhendong nach Deutschland zu holen, und damit wichtige Impulse für die gesamte Liga gesetzt. Darüber hinaus hat sich Saarbrücken in den vergangenen Jahren selbst zu einer der führenden Marken im internationalen Vereinstischtennis entwickelt. Vier Champions-League-Titel in Folge sowie das Triple aus TTBL, Pokal und Champions League in der vergangenen Saison sprechen für sich. Dass Saarbrücken nun mit Hugo Calderano erneut einen absoluten Weltklassespieler verpflichtet hat, zeigt den Anspruch des Vereins, weiterhin an der europäischen Spitze mitzuspielen. Auch er besitzt eine enorme internationale Strahlkraft und eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, neue Zielgruppen und Märkte für unseren Sport zu erreichen. Genau diese Konstellation macht die neue Saison so spannend: Mit Borussia Düsseldorf und dem 1. FC Saarbrücken-TT treffen zwei international renommierte Spitzenvereine aufeinander, hinzu kommen weitere ambitionierte Klubs, die jederzeit in den Titelkampf eingreifen können. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Liga insgesamt von dieser Entwicklung profitieren wird.
So erfreulich durch Fan das Interesse bisher an Saarbrücken und künftig an Düsseldorf ist: Können denn auch alle anderen TTBL-Klubs am derzeitigen Aufschwung teilhaben?
Davon bin ich überzeugt. Internationale Aufmerksamkeit für die Liga kommt letztlich allen Vereinen zugute. Höhere Reichweiten, neue Medienkontakte, zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten und ein wachsendes Interesse von Partnern schaffen Chancen für sämtliche Standorte. Unsere Aufgabe als Liga besteht darin, diese Entwicklung aktiv zu unterstützen und die daraus entstehenden Potenziale möglichst breit zu verteilen. Der Erfolg von Fan Zhendong ist für uns kein Selbstzweck. Entscheidend ist, dass die gesamte Liga davon profitiert.
Die Erlöse der Auslandsvermarktung sind bereits in der zurückliegenden Spielzeit unverhofft stark gestiegen und dürften durch Fans Transfer nochmals signifikant anwachsen. Existieren bereits Pläne für die Verwendung dieser zusätzlichen Einnahmen?
Unser Anspruch ist es, zusätzliche Erlöse nachhaltig in die Weiterentwicklung der Liga zu investieren. Dazu gehören insbesondere die internationale Vermarktung, die digitale Sichtbarkeit, die Weiterentwicklung unserer Veranstaltungen sowie Maßnahmen zur Stärkung der Vereine. Wir wollen die aktuellen Chancen nutzen, um langfristige Strukturen aufzubauen und die TTBL insgesamt auf das nächste Niveau zu heben.
Durch Ihre Initiative für ein Deutsch-Chinesisches Wirtschaftsforum am Rande des neuen Pokal Grand Opening Ende August in Nürnberg nutzt die TTBL das Momentum der enormen Aufmerksamkeit in vielen Ländern für Fan Zhendongs Auftritte in Deutschland zur Betonung ihrer internationalen Ausrichtung. Was erhoffen Sie sich, abgesehen von einem Netzwerk, von dem Event für die TTBL?
Das Wirtschaftsforum ist ein wichtiger Baustein unserer Internationalisierungsstrategie. Die enorme Aufmerksamkeit rund um Fan Zhendong hat gezeigt, welches Potenzial die TTBL weit über Deutschland hinaus besitzt. Wir haben unsere Präsenz auf chinesischen Social-Media-Plattformen aufgebaut und dort innerhalb kurzer Zeit eine sehr große Reichweite erzielt. Gleichzeitig wird die TTBL mittlerweile nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in weiteren internationalen Märkten übertragen. Das Wirtschaftsforum soll dazu beitragen, diese Entwicklung strategisch weiterzuführen und aus der gestiegenen Aufmerksamkeit langfristige Partnerschaften, neue Investitionen und zusätzliche Chancen für die Liga und ihre Vereine entstehen zu lassen.
In Nürnberg wird natürlich auch Tischtennis gespielt. Welche Erwartungen knüpfen Sie an das neue Format mit allen Achtel- und Viertelfinals binnen zwei Tagen an einem Ort?
Wir möchten den Pokal neu inszenieren und den Fans ein echtes Event bieten. Durch die Bündelung aller Achtel- und Viertelfinals an einem Standort entstehen viele attraktive Begegnungen innerhalb kürzester Zeit. Zuschauer erleben Spitzentischtennis in einer hohen Dichte, Vereine erhalten zusätzliche Sichtbarkeit und Partner profitieren von einer größeren Plattform. Wir versprechen uns davon einen deutlichen Mehrwert für alle Beteiligten und möchten den Pokalwettbewerb insgesamt noch attraktiver machen.
Im Vorfeld des Pokal Grand Opening hatten kritische Wortmeldungen mehrerer unterklassiger Klubs an dem neuen Format für Aufsehen gesorgt. Wie wollen Sie die Zweit- und Drittligisten nach der Premiere im Boot behalten?
Der Pokal lebt von seiner Offenheit und von der Beteiligung aller Leistungsebenen. Deshalb nehmen wir die geäußerten Anregungen selbstverständlich ernst. Gleichzeitig sind Veränderungen immer auch mit Unsicherheiten verbunden. Nach der Premiere werden wir das Format gemeinsam mit den Vereinen evaluieren und offen über mögliche Anpassungen sprechen. Unser Ziel bleibt es, eine Lösung zu finden, die sportlich attraktiv, wirtschaftlich sinnvoll und für möglichst viele Vereine interessant ist. Entscheidend wird sein, dass wir die Vereine weiterhin eng in die Weiterentwicklung des Wettbewerbs einbinden.
Welche Erwartungen und Hoffnungen haben Sie allgemein für die neue Saison?
Die vergangene Saison hat gezeigt, welches Potenzial in der TTBL steckt. Für die kommende Spielzeit wünsche ich mir, dass wir diese Dynamik weiter nutzen. Sportlich erwarte ich eine der spannendsten Saisons der vergangenen Jahre. Darüber hinaus wollen wir neue Zuschauer für unseren Sport begeistern, die internationale Sichtbarkeit der Liga weiter erhöhen und zusätzliche Partner für die TTBL gewinnen. Wenn es uns gelingt, die aktuelle Aufmerksamkeit in nachhaltiges Wachstum umzuwandeln, kann die neue Saison ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Entwicklung der TTBL werden.
Vielen Dank für das Gespräch, Nico Stehle.
Florian Manzke