Tschüss, Timo – (Teil 7 mit Kristijan Pejinovic): „Timo wird für die TTBL noch lange ein Gütesiegel sein“

Deutschlands Topstar Timo Boll absolviert mit Borussia Düsseldorf seit Saisonbeginn seine angekündigte Abschiedstour durch die Tischtennis Bundesliga (TTBL). An dieser Stelle formulieren in regelmäßigen Abständen wichtige Wegbegleiter Gedanken und Erinnerungen an den erfolgreichsten Spieler in der Bundesliga-Geschichte und seine unvergleichliche Laufbahn. Im siebten Teil unserer Serie „Tschüss, Timo“ blickt Präsident Kristijan Pejinovic von den TTF Liebherr Ochsenhausen, der als Klubfunktionär außerhalb von Bolls Vereinen TTV Gönnern und Borussia Düsseldorf in der TTF-Führung am längsten die unvergleichliche Laufbahn des früheren Weltranglistenersten verfolgt hat, auf gemeinsame Zeiten zurück.
„Der Beginn meiner Erinnerungen an Timo und Begegnungen mit ihm reicht bis zur Aufnahme meiner Tätigkeiten in Ochsenhausen zurück – das liegt nun auch schon 23 Jahre zurück. Kurioserweise sind die damaligen Erlebnisse immer noch denen bis in die Gegenwart sehr ähnlich.
Denn so wie in der langen Zeit mit Borussia Düsseldorf war Timo seinerzeit auch schon mit dem TTV Gönnern und dem Trainer Helmut Hampl ein harter Widersacher für uns im Rennen um einen Play-off-Platz oder Titel. Damals wie auch später in vielen Jahren mit Düsseldorf hat Timo uns am Tisch immer und immer wieder geärgert und uns gefühlt unzählige Halbfinals und Endspiele - in Anführungszeichen – vermasselt.
Unabhängig von unserem sportlichen Abschneiden sind die Begegnungen dabei mit Timo in all den Jahren immer schöne und tolle Momente gewesen. Er ist ein Riesenathlet mit einem riesigen Sportsgeist, sein Spiel und seine Aktionen wie Reaktionen sind immer vom Gedanken des Fairplay und dem Respekt vor dem Gegenüber geprägt gewesen. Das habe ich zu jeder Zeit ebenso angenehm empfunden wie auf der menschlichen Ebene, dass Timo bei aller Konzentration auf anstehende Spiele sich immer Zeit zu einer anständigen Begrüßung mit ehrlichem Interesse an seinen Gesprächspartnern genommen hat. Auch diese Umgangsformen zeigen seine schon oft genannte Bodenständigkeit und zeichnen Timo aus.
Timo hat das Tischtennis besser gemacht
Ich sehe das Ende von Timos großartiger Karriere aber auch darüber hinaus mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits freut mich wirklich sehr, dass er ganz offensichtlich den richtigen Moment für seinen Rücktritt finden konnte, andererseits bedauere ich aber natürlich, dass eine Ära unwiderruflich zu Ende geht: für das Tischtennis in Deutschland, in Europa und sogar in China, wo man lange alles Mögliche unternommen hat und ja auch unternehmen musste, um gegen Timo überhaupt eine Chance zu haben.
Natürlich hätten wir zur damaligen Zeit Timo auch gerne für Ochsenhausen gewinnen wollen. Mein leider schon verstorbener Amtsvorgänger Rainer Ihle hat mir von seinen Anfragen berichtet, aber auch davon, dass Timo immer fair und wirklich auch voller Respekt für uns darauf hingewiesen hat, in Gönnern und später Düsseldorf zufrieden und glücklich zu sein, dass es dort eben einfach passen würde. In den folgenden Jahren haben wir trotzdem bei vereinzelten Gelegenheiten nochmals unser Interesse signalisiert – jedoch vor allem aus dem einen Grund, einem Ausnahmesportler wie ihm Respekt zu zollen. Im Umkehrschluss durften Gönnern damals und Düsseldorf – nicht nur wegen ihrer untrennbar mit Timo verbundenen Erfolge - bis heute stolz sein, einen solch loyalen Spieler in ihren Reihen zu haben.
In den vergangenen Monaten ist öfter darauf hingewiesen worden, dass Timo zur Verbesserung von Mitspielern in Vereinen und Nationalmannschaft beigetragen hat. Aber Timo hat auch das Tischtennis in Deutschland, in der Bundesliga, auf europäischer Ebene und letztlich auch in Asien besser gemacht. Überall dort hat man Timo viel zu verdanken, denn aus dem Ansporn und der Konkurrenz durch Timos Stärke entstanden an vielen Stellen neue Wettbewerbe zur Überwindung der Unterlegenheit, einerseits sportliche Wettbewerbe natürlich, aber andererseits auch ein strategischer Wettbewerb der Ideen, indem man Philosophien entwickelte, wie in Zukunft trotz eines Timo Boll auf der anderen Seite eigene Erfolge möglich sein würden.
Seine Strahlkraft lenkte Aufmerksamkeit auf die TTBL
Für die TTBL kann, nein, muss ich als Aufsichtsratsmitglied zunächst festhalten, dass Timos Rücktritt am Saisonende eine nicht zu schließende Lücke hinterlassen wird. Ohne Frage war Timo ein Aushängeschild, um den uns Ligen in anderen Sportarten beneidet haben.
Die Zeit nach der Ära von Timo Boll ist für die Liga aber auch eine Chance. Denn ohne diese dominierende Spielerpersönlichkeit im gegnerischen Team sind die Aussichten gleich mehrerer Vereine auf Erfolge und Titel deutlich besser. Das kann zu einem Qualitätszuwachs für die und in der TTBL führen, denn nun sind die Chancen, dass sich Verpflichtungen von hochwertigen Spielern auszahlen, gestiegen. Ich kann mir für die Zukunft in der TTBL gut mehr Abwechslung und mehr Konkurrenz vorstellen.
Dass überhaupt so viele gutklassige Spieler bei Vereinen in der TTBL spielen, zählt schon jetzt zu Timos Vermächtnis. Denn seine Strahlkraft lenkte erst oft eine seriöse Aufmerksamkeit anderer Profis auf die Bundesliga. Timo wird für die TTBL noch lange Zeit ein Gütesiegel sein.
Kurz zusammengefasst: Deutschland kann aus meiner Sicht auf einen solchen Supersportler und zugleich famosen Menschen wie Timo stolz sein.“
Aufgezeichnet von Florian Manzke